14.07.2009

Der digitale Hörfunk kämpft ums Überleben

Nach der Abschaltung des analogen Fernsehens soll im Jahr 2010 das Ende des analogen Rundfunks folgen. So will es zumindest die Europäische Kommission. An die Stelle des Analogradios sollen digitale Radioprogramme treten. Infrage kommen die Digitalstandards DAB, DABplus, DRM und DMB. Allerdings fehlt in vielen EU-Ländern das Vertrauen der privaten Radiosender in die Tauglichkeit des digitalen Rundfunks.

Auch in Deutschland schwelt seit längerem ein Streit zwischen den öffentlich-rechtlichen Befürwortern des Digitalradios und den privaten Betreibern von Radiosendern. Während die vom Staat geförderten Rundfunkanstalten hohe Summen für Digitalradio-Versuche ausgeben, wehren sich die kommerziellen Radiosender gegen das ihrer Meinung nach nicht marktfähige System. Der Übertragungsstandard Digital Audio Broadcasting (DAB) konnte sich seit Anfang des Jahrtausends in Deutschland nur mäßig durchsetzen, seinem Nachfolger DABplus droht möglicherweise das Aus noch vor der Markteinführung in der Bundesrepublik.

Kommerzielle Radiosender glauben nicht an DAB/ DABplus

Ein weiteres Problem besteht darin, dass der verbesserte Standard DABplus nicht mit den herkömmlichen DAB-Geräten empfangen werden kann. Das heißt, im Falle einer Einführung von DABplus würde die sowieso schon kleine Schar der Nutzer von Digitalradio über DAB gezwungen, neue Hardware oder umständliche Updates anzuschaffen.

Am 25. Juni hat sich der Verband privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) auf einer Mitgliederversammlung gegen einen Neustart des digital-terrestrischen Hörfunks ausgesprochen. Der VPRT-Vorsitzende Hans-Dieter Hillmoth sagte, die Absage an DABplus sei „sowohl mit Blick auf die mangelnde Marktfähigkeit des Systems als auch mit Blick auf die fehlenden Refinanzierungsmöglichkeiten ausführlich begründet und getragen von dem Interesse, die Überlebensfähigkeit des privaten Radios auch in der digitalen Welt zu sichern“. Sein Verband investiere in eine Vielzahl digitaler Projekte und zwar auch und gerade da, wo es um junge Hörer gehe – aber man müsse das Geld auch wieder aus dem Markt zurückverdienen, betonte Hillmoth.

Im Gegensatz dazu würden die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Investitionen über die Rundfunkgebühren abdecken, was ungleich einfacher sei, so der VPRT-Vorsitzende. „Unglaublich, wie unbefangen die ARD die enorme Summe von 30 Millionen Euro in Digitalradio-Versuche stecken will, wo doch ihre Konzepte mit Blick auf die Zukunftstauglichkeit des Systems weder den VPRT noch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarf der Rundfunkanstalten (KEF) überzeugt haben“, kritisierte Hillmoth. Die KEF hatte die Fördermittel für DAB für das Jahr 2008 sehr stark gekürzt, was in der Branche als Signal des Misstrauens gewertet wurde.

ARD kritisiert "reine Interessenpolitik" der Privatsender

Die ARD zeigte sich empört über den Ausstieg des VPRT. Der Verband verzocke damit die Zukunft des Radios, wetterte der ARD-Vorsitzende Bernhard Hermann. „Die kommerziellen Radiosender verdienen seit Jahren gutes Geld“, sagte Hermann.

„Das wollen sie nicht gefährden, denn der Einstieg in digitales Radio würde Investitionen erfordern. Dies würde dann natürlich den Gewinn der Gesellschafter schmälern“, glaubt der Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission.

Einführung von DABplus zunächst in Ballungsräumen

Inzwischen hat die Bundesnetzagentur die Ausschreibung von Frequenzen für ein bundesweites DABplus-Paket veröffentlicht. Zunächst war ein Vollversorgung für ganz Deutschland angekündigt worden, wie sich jetzt herausstellt, wird inzwischen eine Versorgungsdichte von nur mehr 70 Prozent angepeilt. Der Aufbau des digital-terrestrischen Hörfunks soll zunächst in den Ballungszentren unter Einschluss der Landeshauptstädte beginnen. Mindestens vier Jahre werden laut BNetzA dafür veranschlagt.

Dieser Fahrplan bedeutet praktisch, dass 30 Prozent der Bundesbürger von der Nutzung des Digitalradios ausgeschlossen sein werden. Und wieder trifft es die ohnehin schon technologisch unterversorgten ländlichen Gebiete, die noch nicht einmal auf Internetradio ausweichen können, weil sie häufig keinen Breitband-Internet haben. Gerade in diesen Regionen hätte die Einführung des DAB-Pakets für die Verbraucher attraktiv sein können, kritisieren Gegner der Strategie. So ist es in hohem Maße wahrscheinlich, dass DABplus die gleiche Bruchlandung erleben wird wie seiner Zeit der Handy-TV-Standard DMB.

Autor: FN