31.12.2009

Staat oder Markt: Schnelles Breitband-Internet

Soll der Ausbau der Breitbandnetze mit schnellem Internetzugang dem Markt überlassen werden? Oder ist es Aufgabe des Staates, diese Entwicklung zu steuern – unter Umständen ohne Rücksicht auf betriebswirtschaftliche Berechnungen? Diese Fragen untersucht eine Studie des US-amerikanischen Beratungsunternehmens Bain & Company. Nach Einschätzung der Autoren liefert die Studie „eine fundierte Grundlage zur aktuellen Diskussion über die Next Generation-Telekommunikationsnetze, wie zum Beispiel Glasfaser“ so heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens.

Das Ergebnis: Mehrere, parallele und miteinander konkurrierende Festnetzinfrastrukturen seien in den meisten Märkten aus wirtschaftlicher Sicht schwierig. Zwei Anbieter von Festnetzen seien in den meisten regionalen Märkten die beste Lösung zur Förderung des technischen Fortschritts. Wettbewerb führe zu schnellerem Netzausbau mit höheren Bandbreiten als staatliche Vorgaben, er sei aber nur dann rentabel wenn Kunden auch bereit seien, für höhere Bandbreiten zu zahlen, so das Fazit.

„Zwei Anbieter sind genug“

Das Interesse der öffentlichen Hand, möglichst flächendeckend Breitband Anschlüsse anzubieten, ist enorm. Die EU hat sich unter dem Titel „Digital Europe“ ambitionierte Ziele gesteckt und plant eine hundertprozentige Breitbandabdeckung der Haushalte bis 2013. Gleichzeitig sind beispielsweise in der Schweiz Städte und Gemeinden sehr aktiv: Insbesondere Elektrizitätswerke befassen sich hier mit erheblichen Investitionsvorhaben in Glasfaserinfrastrukturen. 

Die aktuelle Studie der Strategieberatung Bain & Company in Zusammenarbeit mit dem internationalen Kabelnetzbetreiber Liberty Global, Inc. favorisiert dagegen Lösungen, bei denen die öffentliche Hand keine größere Rolle spielt. In Ländern mit zwei konkurrierenden Anbietern von Festnetzzugangsinfrastrukturen würden Innovationen schneller vorangetrieben, so die Autoren der Studie. So erreichten beispielsweise in den Niederlanden, in Belgien und in der Schweiz zwei Festnetzzugangsinfrastrukturen über 80 Prozent der Bevölkerung, was zu 30 Prozent höheren durchschnittlichen Breitband Geschwindigkeiten als in anderen westeuropäischen Märkten geführt habe. Umgekehrt weisen demzufolge die europäischen Länder mit dem geringsten Wettbewerb bei der Festnetzzugangsinfrastruktur auch die geringste Bandbreite und Internetverbreitung auf.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich eine derartige Wettbewerbsdynamik vor allem in Ländern entwickeln kann, in denen Telekommunikationsunternehmen, Kabelnetzbetreiber und in bestimmten Regionen auch neue Glasfasernetzbetreiber in direktem Wettbewerb stehen. Diese Unternehmen konkurrierten zunehmend in der gesamten Breite der Telekommunikationsdienste wie beispielsweise TV oder Sprach- und Breitbandkommunikation. Märkten mit nur einer Festnetzzugangsinfrastruktur fehle diese Wettbewerbsdynamik. Oft seien sie darüber hinaus auch stärker reguliert. „Infrastrukturwettbewerb führt eher dazu, dass höhere Bandbreiten effizienter und der Nachfrage entsprechend zur Verfügung gestellt werden, als es bei einer ‚Top-Down’-Zielsetzung der öffentlichen Hand vermutlich der Fall wäre“, meint Jens Schädler, Telekommunikationsexperte bei Bain & Company.

Neben den regulatorischen Rahmenbedingungen bestimmen der Studie zufolge auch die erforderlichen Investitionsvolumen das Engagement der möglichen Akteure. „Die Investitionskosten für flächendeckende ultraschnelle Breitband Netze bewegen sich zwischen 65 Euro und 1 500 Euro pro Haushalt, abhängig von der vorhandenen Infrastruktur und Bevölkerungsdichte. Kabelnetze (basierend auf DOCSIS 3.0) haben Kostenvorteile, da die Erstinvestition für ein Bandbreitenangebot von circa 100 Megabit pro Sekunde erheblich geringer ist als für die Aufrüstung traditioneller Telekommunikationsnetze auf FTTH (Fiber-To-The-Home). Untersuchungen beziffern die nötigen FTTH-Investitionen auf 70 Milliarden Euro für Deutschland und 40 Milliarden Euro für Frankreich oder Großbritannien“ so erklärt Bain & Company. Die Untersuchungen des Beratungsunternehmens zeigten, dass bei einer großflächigen Aufrüstung der Netze die Ausgaben der europäischen Haushalte für Telekommunikationsdienste um 57 Prozent bei FTTH, 19 Prozent bei VDSL und 11 Prozent bei DOCSIS 3.0 steigen müssten, damit die Infrastruktureigentümer die hohen Investitionen wieder hereinholen könnten.

„30 bis 40 Megabit pro Sekunde reichen"

Wird der Kunde soviel mehr für ein schnelleres Netz zahlen? Die Bain-Experten prognostizieren, dass der Bedarf an schnellen Netzen in Zukunft zwar steigen wird – insbesondere aufgrund von Unterhaltungsangeboten – jedoch die bereits heute existierende Infrastruktur diesen Anforderungen noch für die nächsten Jahre genügen wird. „Für den Großteil der Haushalte reichen 30 bis 40 Megabit pro Sekunde für die parallele Nutzung heute bekannter Breitbanddienste aus“ so meinen die Autoren der Untersuchung. Letztendlich sollte die Bereitschaft der Nutzer, für schnellere Bandbreiten auch zu zahlen, ausschlaggebend sein, wann Investitionen in Netzaufrüstungen tatsächlich erfolgen. „Zwar kann sich die Politik von dieser betriebswirtschaftlichen Richtschnur jederzeit entfernen, sie sollte aber immer die damit verbundenen Kosten und wirtschaftlichen Risiken im Blick behalten“, so Schädler.

Die Studie zeigt nach Ansicht ihrer Verfasser, dass sich aufgrund des hohen Investitionsbedarfs und im Hinblick auf die Rentabilität auf nationaler Ebene mehr als zwei schnelle Breitbandnetze kaum rechtfertigen lassen – außer in sehr dicht besiedelten städtischen Gebieten. Das könne aus wettbewerbspolitischer Sicht gemischte Reaktionen hervorrufen. Die Praxis zeige jedoch, dass dieser Ansatz oft zu einem dynamischeren Wettbewerb führe als der Konkurrenzkampf mehrerer Service Provider oder kleinerer regionaler Anbieter.

Bain & Company

Bain & Company Inc.ist ein US-amerikanisches Beratungsunternehmen. Weltweit hat es 4800 Mitarbeiter und 41 Niederlassungen in 27 Ländern. In Deutschland ist die Firma mit Bain & Company Germany, Inc.vertreten, Hauptsitz ist München. Im deutschsprachigen Raum gibt es 440 Mitarbeiter, sie arbeiten außer in München noch in Zürich, Düsseldorf und Frankfurt am Main. Bain & Company wurde 1973 in Boston Massachusetts gegründet, dort ist heute noch der Hauptsitz. 

Autor: KN